Unsere Antwort

Hallo TERRE DES FEMMES Gruppen in ganz Deutschland.

Liebe Interessierte.

Als Feminist*innen sind wir schockiert, als trans* Menschen sind wir verletzt und als Aktivist*innen sind wir wütend über den Offenen Brief, der sich für Konversionstherapien bei trans* Menschen ausspricht.

Montagmittag am 27. April wurde der „Offene Brief“, mit Aufruf zur Verbreitung, über den Verteiler der Freiburger TERRE DES FEMMES Gruppe versendet. Er verbreitet Falschinformationen, ist höchst stigmatisierend und antifeministisch.

Das hier ist unsere Antwort darauf:

 

Das Trans*Menschen existieren, ob binäre oder nicht binäre, ist nichts was 2020 noch diskutiert werden muss. Darüber herrscht auch keine zeitgemäße grundlegende Diskussion in führender Politik, Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Zu argumentieren, dass es keine naturwissenschaftlichen Belege dafür [gäbe], dass es möglich ist, in einem „falschen“ Körper geboren zu sein ist zum aktuellen Stand fern jeder Realität.

In dem „Offenen Brief“ wird viel über die, durch den Einbezug der selbstempfundenen geschlechtliche Identität, gefährdeten Kinder und Jugendlichen gesprochen. Darum möchten wir dieses Thema etwas aufdröseln.

 

Geschlechtsvariantes Verhalten und Trans*Identität

Fachliche Informationen und Statistiken haben wir teils wörtlich aus der 2018 in der Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie erschienen Fortbildung von KD Dr. med. Dagmar Pauli übernommen.

Kinder und Jugendliche stellen immer häufiger Geschlechterrollen und Vorstellungen in Frage. Als Feminist*innen begrüßen wir diese Entwicklung, da diese zeigt, dass sich sexistische Rollenklischees und gewalttätige und unterdrückende Strukturen sich weiter auflösen.

Immer mehr Kinder und Jugendliche stellen auch ihre eigene Geschlechtsidentität in Frage – das kann ein Teil der Identitätsfindung im Kindes- und Jugendalter sein – und ist erstmal nichts bedenkliches oder gefährliches. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die eine Abweichung zwischen ihrem bei Geburt zugeschriebenen Geschlecht und ihrer Selbstwahrnehmung empfinden. Hier gilt es jedoch zu differenzieren. Kinder mit geschlechtsvariantem Verhalten sind relativ häufig und definieren sich über das ICD 10 folgendermaßen:

[..] zeigt sich während der frühen Kindheit, immer lange vor der Pubertät. [..] ein anhaltendes und starkes Unbehagen über das zugefallene Geschlecht [..], zusammen mit dem Wunsch oder der ständigen Beteuerung, zum anderen Geschlecht zu gehören. [..] andauernde Beschäftigung mit der Kleidung oder den Aktivitäten des anderen Geschlechtes und eine Ablehnung des eigenen Geschlechtes.  [..] [Quelle]

Unter diese Gruppe fallen erstmal sehr viele junge Menschen. Statistisch gesehen zeigen von diesen jungen Menschen nur 20% (bei Geburt zugewiesenen Jungen) und 50% (bei Geburt zugewiesenen Mädchen) eine dauerhafte trans*Identität bis ins Erwachsenenalter (Vgl. Pauli 2018: 11).

Dementsprechend sind Kinder und Jugendliche mit „einfachem geschlechtsatypischem Verhalten“ (hier ließe sich selbstverständlich über Pathalogisierung und moderne Psychatriekritik diskutieren) und solche mit langanhaltender und starker Geschlechtsdysphorie und diesbezüglich hohem Leidensdruck zu unterscheiden.

Gendervarianz ohne Körperdysphorie und eindeutiger Leidendruck wird im DSM-5 nicht mehr als Störung definiert und auch Gendervarianz mit Dysphorie steht im neuen ICD 11 nicht mehr unter den psychischen Störungen uns ist daher per se nicht als pathologisch einzuordnen (Vgl. Pauli 2018: 11 f.). Das Ausmaß des Leidensdrucks vor der Pubertät wird vor allem durch die Reaktionen des Umfelds auf die Gendervarianz bestimmt (Vgl. Pauli 2018: 12). Dies ist besonders relevant, da dreiviertel der jungen trans*Menschen suizidal sind oder sich selbst verletzen (zitiert nach Pauli 2018: 11). Ob eine soziale Transition (Namenswechsel und Wechsel der Geschlechtsrolle) vor der Pubertät durchzuführen ist eine Entscheidung die den Familien und betroffenen Kindern obliegt. Fachpersonen kommt hier lediglich eine beratende Rolle zu (Vgl. Pauli 2018: 12).

Mit Einsetzen der Pubertät (ab Pubertätsstadien 2 bis 3 nach Tanner) kann eine Pubertätsblockade durch die monatliche Gabe von Gondadotropin-Analoga durchgeführt werden. Diese ist größtenteils reversibel und kann über mehrere Monate bis Jahre genutzt werden, um Zeit für die weitere Identitätsfindung bis zur Entscheidung über körpermodifizierende, geschlechtsangleichende Maßnahmen zu gewinnen (Vgl. Pauli 2018: 12). Dies ist wichtig, da Veränderungen wie das Brust- und Bartwachstum oder der Stimmbruch in der Pubertät nicht nur teils gar nicht, schwer, schmerzhaft und teuer rückgängig zu machen sind, sondern auch mit schweren psychischen und sozialen Folgen einhergehen.

Kurz: So eine Entscheidung will überlegt sein und braucht manchmal einfach etwas mehr Zeit. Geschlechtsangleichende körperliche Maßnahmen wie Operationen werden bei Kindern und Jugendlichen NICHT regulär durchgeführt, auch wenn dies im offenen Brief so impliziert wird: „Kinder und Jugendliche würden durch einseitige Beeinflussung medizinischen Eingriffen mit weitreichenden irreversiblen Folgen zustimmen, unter denen manche ein Leben lang zu leiden hätten.“

 

Konversionstherapien

Nicht alle trans*Jugendlichen benötigen psychotherapeutische Unterstützung, häufig ist eine Belastung durch Genderdysphorie und die entstehenden Probleme im Alltag jedoch stark ausgeprägt. Psychotherapie richtet sich nach den Bedürfnissen junger Betroffener und umfasst die Unterstützung bei der Identitätsfindung sowie der praktischen Umsetzung der Transition. „Reparative“ Behandlungen mit dem Ziel „eine Aussöhnung mit dem Geburtsgeschlecht“ – aka. Konversionstherapien – kann bei Jugendlichen das Gefühl verstärken nicht akzeptiert zu sein (Vgl. Pauli 2018: 13) und führt wie bei Konversionstherapien bei Homosexuellen, Bisexuellen, Asexuellen und anderen von der vermeidlichen Norm abweichenden geschlechtlichen und sexuellen Ausrichtungen zu hohem emotionalen Stress – was tödlich enden kann. Durch mangelnde Akzeptanz durch das Umfeld entstehen vermehrt Depressionen, Suizidalität und Selbstverletzung sowie Angststörungen. Darum stellt sich das betreffende Gesetz gegen Konversionstherapien. Es geht um den Schutz von jungen Menschen!

Es ist zwingend wichtig, Eltern in die Beratung und Behandlung mit einzubeziehen. Sorge und Trauer von Eltern im Falle einer trans*Identität eines Kindes ist unbedingt Platz einzuräumen. Behandlungen durch Psychotherapeut*innen ist ausgangsoffen und fragend (Vgl. Pauli 2018: 13) und ist in nicht mit dem, im Offenen Brief dargestellten, zu Transitionen drängendem Verhalten vereinbar. Auch eine Art „gutgläubige Affirmation jedwedem Wunsches“, wie im offenen Brief porträtiert wird, ist weder gängige Praxis, noch entspricht dies gesundem Menschenverstand oder wird durch das Gesetz gefordert.

 

Pathologisierung und Kriminalisierung

Es ist klar zustellen, dass es keine „falschen Körper“ und auch keine „falschen Geschlechter“ gibt. Was es gibt, sind Menschen die nicht akzeptieren können, dass es mehr als zwei Geschlechter (siehe inter*geschlechtliche Menschen und nicht-binäre trans* Menschen) und trans* Menschen gibt, diese diskriminieren, sich gegen ihre Rechte stellen und diese physisch und psychisch angehen.

Der vorliegende Offene Brief warnt vor einer Kriminalisierung  von Eltern, Lehrer*innen und Psychotherapeut*innen, sowie der Hinderung dieser “an der professionellen Ausübung ihrer Arbeit“.

Wenn Menschen Sorge haben, beim Verbot von Konversionstherapien, die darauf abzielen, „die […] selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person zu ändern oder zu unterdrücken“ (BT-Drucks. 19/17278) nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen zu können, dann sollten diese Menschen keinerlei Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen ausführen dürfen.

Denn alles, was unter die Definition der Konversionstherapie fällt, ist tiefgreifend problematisch und widerspricht der  Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten.

Der vorliegende „Offene Brief“ spielt mit den Ängsten von Eltern und Pädagog*innen, Kindern Leid anzutun. Statt über Kinder und Jugendliche mit geschlechtsvariantem Verhalten und Identität zu urteilen, ist es wichtig sie verständnisvoll auf ihrem Weg zu begleiten und ihre körperliche und psychische Selbstbestimmung altersgerecht zu respektieren.

 

Geschlecht und Vorstellung

Der vorliegende „Offene Brief“ stellt die These, dass Transitionen Rollenklischees „zementieren“ würden, und impliziert, dass dies zu einer „Re-Traditionalisierung von Geschlechterrollen“ führen was „die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe von Frauen und die Chance auf Gleichstellung“ verringern würde.

Wir halten es für sehr wichtig über Vorstellungen von Geschlecht und Körper in Diskussion zu bleiben. In welcher Weise soziale und körperliche Transitionen von jungen wie erwachsenen Menschen jedoch antifeministisch sein soll, lässt sich für uns jedoch in keinster Weise nachvollziehen. Genaugenommen würden wir für die gegenteilige These argumentieren:

Das Infragestellen von Geschlechtsvorstellungen und die aktive gesellschaftliche, sowie privatem Auseinandersetzen mit Geschlechtsidentität, arbeitet gegen geschlechtliches Schubladendenken und sexistische Rollenvorstellungen. Damit ist dies einer der Prozesse, die wir in der Solidarisierung miteinander und für den Kampf für unsere Rechte grundlegend brauchen.

Es gibt selbsternannte feministische Strömungen, welche sehr stark besonders gegen trans* Frauen ins Feld ziehen und diesen ihre Identität als Frauen* absprechen. Diese Strömungen sind diskriminierend und erzeugen Hass und Gewalt. Intersektionaler Feminismus erkennt das Patriarchat als gemeinsamen Feind, gegen den es zu kämpfen gilt.

Für das körperliche Selbstbestimmungsrecht aller Menschen, gegen Sexismus, Trans*phobie und strukturelle Gewalt!

 


Weiterführend und belegend möchten wir auf die Fortbildung von KD Dr. med. Dagmar Pauli, Chefärztin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie und Psychotherapie in Zürich hinweisen:

Pauli, D., Gendervarianz, Geschlechtsinkongruenz und Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen. Schweizer Zeitschrift für Psychiatrie & Neurologie 01 (2018). https://www.rosenfluh.ch/34680


 

Dieser Text wurde auf der Grundlage einer privaten Mail verfasst, welche am 28.04.2020 an alle Ortsgruppen von TDF gesendet wurde. Die Reaktion darauf ist leider nicht allzu bemerkenswert.

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